Clementine Gasser

PRESSE


Wild Chamber Trio – CD-Review 10.000 Leaves
Gianni Mimmo, Elisabeth Harnik and Clementine Gasser
Kulturredaktion ORF/Ö1 Irene Suchy Februar 2012

 

Ein Saxophon beginnt, sich als Flöte tarnend, das Klavier verbirgt sich hinter einem körperlichen Wolken-Sound, das Cello unterstützt den Klang, ein energetischer Tumult, aus dem sich die einzelnen Stimmen lösen, zu voller Höhe und Tiefe aufschwingen, ihre Virtuosität erkennen lassen, wieder zu einmütiger Einheit kommen: Klangspielereien, Klangzaubereien. Das war erst  Atomic Heart. […]

In den 10.000  Blättern finden sich Ideen des Auseinandergehens und des Zusammen-findens aus der gemeinsamen Erfahrung großer musikalisch-kompositorischer Kraft der Einzelnen. Hier verliert sich nichts, auch nicht wir Zuhörenden – dem Hörpublikum wird Bewunderung in Distanz geboten. Hier gewinnt keiner, hier führt keiner, hier herrscht höchste Ausgewogenheit in höchster Komplexität. […]

 

 

 

Clementine Gasser – CD-Review PIONEER 23
Kulturredaktion ORF/Ö1 Helmut Blechner Dezember 2003


„Subversive Klassik-Avantgarde“ nennt Clementine Gasser ihre Musik. Klassik-Avantgarde – das meint, wenn wir den dialektischen Begriff beim Wort nehmen, einen künstlerischen Prozess, der Vergangenheit und Zukunft, Altes und Neues, Bekanntes und Unbekanntes, Anpassung und Widerstand in sich vereint. Nein, nicht vereint, sondern überlagert, gegeneinander stellt, miteinander ringen lässt. Auf dass aus dem Chaos neue Ordnung entstehe. Aber nicht die Ordnung an sich ist Gassers Ziel. Suchend und findend schafft sie neue Ordnung. Was soeben noch galt, gilt jetzt nicht mehr.

Der Zuhörer erkennt: Ordnung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. “Diese Ordnung ist nicht so fest, wie sie sich gibt“, sinniert Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, “kein Ding, kein Ich, keine Form, kein Grundsatz sind sicher, alles ist in einer unsichtbaren, aber niemals ruhenden Wandlung begriffen, im Unfesten liegt mehr von der Zukunft, als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nicht hinausgekommen ist.“

Beim Hören von Thelonious Monk: Er seziert Smoke gets in your eyes. Diese Pause ist zu lang, denke ich. Wann endlich setzt er fort? Er kommt zu spät!? – Da ist er, der mit Unruhe erwartete nächste Tastenton. Und nachträglich erkenne ich: das Timing stimmt natürlich. Monk traf genau. Dieser, und nur dieser Augenblick war gültig.

Ähnlich verhält es sich mit der Musik von Clementine Gasser. Das Unerwartete, richtiger: das Unbekannte entlarvt sich – und die Überraschung besteht im Eintritt des Erwarteten. Es ist wie im (Alb-)Traum: wir reissen dem Ungeheuer, das uns Angst macht, die Maske vom Gesicht und erkennen mit Entsetzen: wir haben geahnt, nein: gewusst, wer oder was sich dahinter verbirgt.

„Subversiv“ sei ihre Musik, vermerkt Gasser und bezieht sich damit auf ihre Cello-Techniken. Ihre Subversion jedoch geht über das Formale hinaus. Sie überschreitet eine Grenze, in dem sie diese negiert. Sie tritt aus der Welt des „Entweder – oder“ in das Reich des „Sowohl – als auch“, sie lässt scheinbar Widersprüchliches als Gemeinsames erkennen.

Vom Gegensatzpaar „Denken und Fühlen“ ist die Rede. „Nichts alberner“, schreibt Günther Anders in seinen Ketzereien, „als zu glauben, dass, wer genau denken könne, nicht fühlen könne, und dass Denken nicht leidenschaftlich sei. Umgekehrt muss unser Fühlen genau so genau sein wie unser Denken. Und unser Denken muss genau so passioniert wie unser Fühlen.“ Und genau das vermittelt uns das leis-schreiende, betörend-krächzende, drohend- stampfende Cello auf PIONEER 23: hier wird leidenschaftlich gedacht und präzis gefühlt. Disziplinierte Ekstase. Sinnlichkeit, die uns intellektuell gegenübertritt. Im Gesang der Sirenen, ist da nicht die Stimme Kassandras vernehmbar? Verheissung und Warnung zugleich ist die Botschaft der Stimme(n). Der Horror lächelt. „Wie anstrengend es ist, böse zu sein“, notiert Bert Brecht beim Anblick einer japanischen Holzmaske. Trauer und Schwermut drücken uns nieder, aber irgendwo, wir wissen nicht woher, tönen (aus der Zukunft?) fröhliche Stimmen zu uns herüber. „Täuschen wir uns nicht?“, fragen wir skeptisch, nicht merkend, dass wir dabei sind, uns aufzurichten.

Das Englische kennt für den Begriff „Gefühl“ und für beide Bedeutungen von „Sinn“ (der Sinn, und die Sinne) ein einziges Wort: „sense“. Und „sense fiction“ in dessen mehrfachem Sinn ist es, was uns Clementine Gasser mit sensibler Kraft erzählt. Der Sirenenklang ihres Cellos muss nicht süss sein, um in den Bann zu ziehen. Betörend und beschwörend ist er allemal.